Die Geschichte des „OBJEKTFÜNF” von 1970 bis 1984

1970 Das Grundstück
Das Vorderhaus Seebener Straße 5 (eigentlich 5a oder b) ist eines der letzten Fischerhäuser Giebichensteins und bildete mit der damaligen „Pauline”, vis - a - vis (wo heute der Neubau der Burg steht, da hat Wasja mal gewohnt) mit seinem königsgelben Farbanstrich die dörflichen Reste Giebichensteins. Das Grundstück wird zu dieser Zeit von ehemaligen Burgstudenten, Architekt Jürgen Klepka, Formgestalter Thomas Anders im Vorderhaus und einer 3köpfigen Familie im Hinterhaus bewohnt. Diese Familie zog aus, da das Hinterhaus für Wohnzwecke gesperrt wurde.

1971 Objektgründung
Eckehard Werner, Burgstudent und Sohn des Pfarrers der Giebichensteiner Bartholomäuskirche, übernimmt für einen monatlichen Mietpreis von 12,50 MDN das Hinterhaus als Atelier und Werkstatt und nennt das Atelier „OBJEKTFÜNF”. Namengebung und Namensfindung entsprechen dem Zeitgeist (68iger, Apo, Kommunarden etc.), der aus dem Westen rüberschwappt, und ist beeinflußt von solchen Namen wie z.B. Kommune 1 oder Kommando Pimperle.

Es war auch die Zeit der Pop art und der Flower Power. Der am Hinterhaus noch zu sehende Namenszug „Ecki Werner” spiegelt die Typografie dieser Zeit. Am Gartentor wird ein großes Schild mit dem Schriftzug „OBJEKTFÜNF” befestigt, das aber nur wenige Tage hängt, da der bedenkentragende Mitbewohner Thomas Anders Scherereien befürchtet. Als Ersatz befestigt E. Werner wenig später ein großes Logo in Form einer stilisierten Fünf am Tor, das ca. vier Jahre dort hängt und von den „Machthabern” im gegenüberliegenden „weißen Haus” (damals saß dort noch der Rektor der Burg) mit Mißtrauen beäugt wird.

1971 bis 1977 Die wilde Zeit
Das Objekt wird nur noch von Thomas Anders und Eckehard Werner genutzt. Stadtbekannt wird das „OBJEKTFÜNF” durchdie zunächst von Eckehard Werner und später auch von Thomas Anders und Gabriele Hahn veranstalteten Hoffeste. Die Hoffeste laufen nach einem einfachen Muster ab. Nach dem Prinzip „Weitersagen” lassen sich manchmal in nur einem Tag bis zu 200 Leute mobilisieren. Im Getränkestützpunkt Burgstraße, gleich neben Wasja, gibt's Bier in Kommission. Nicht verbrauchtes Bier wird zurückgenommen. Fleischer Weiß an der Ecke liefert Bratwurst und Bäcker Assmann Brötchen. Herr Hermann, Werkstattleiter im „weißen Haus”, stellt den großen Burggrill zur Verfügung. Im Hof des „OBJEKTFÜNF” hängt ein Eimer als Kasse des Vertrauens, in die jeder seinen Obolus entrichtet. Die Kasse schließt immer mit Gewinn. Gefeiert wird bis früh. Die Frühschicht der Straßenbahner des gegenüberliegenden Depots steht öfters morgens im Hof und starrt entgeistert auf eine wild hottende Meute. Der Lärm zieht jede Menge Leute aus der Nachbarschaft an. Die Boxer des internationalen Chemiepokals, die immer in der Felsenstraße wohnen, oft Schwarze, bringen erstmalig Dollars in die Kasse. Alles was Rang und Namen in der Kunst - und Taxifahrerszene hat, hottet im „OBJEKTFÜNF” ab. Wenn an solchen Abenden Halles Kneipen schließen, wird es im „OBJEKTFÜNF” voll. Schwachstelle der Feste ist und bleibt das einzige funktionierende Clo. Eine wichtige Rolle spielt die Musiktechnik bei den Festen. Besonders Klaus Heuwinkels (genannt Stahlarm) selbstgebaute PALL MALL Box. Diese riesige, rote Lautsprecher- box hat einen PALL MALL Aufkleber und eine Reichweite bis zur Lutherlinde.

Eines dieser Hoffeste ist besonders zu erwähnen, da in seinem Verlauf der Atomphysiker Larry aus Berlin und Jacob Manthey aus Halle in einem unheimlichen Kraftakt den Dachstuhl des Hintergebäudes vom Nachbargrundstück (hinter der Bühne des heutigen „OBJEKTFÜNF” ) mit bloßen Händen abreißen und in einem gigantischen Feuer verbrennen. Der Staatsschauspieler Wolfgang Winkler (heute in einigen Krimis zu sehen) deklamiert dazu wichtige Verse, während die PALL MALL Box bis zur Lutherlinde bellt.

1977 bis 1984 Etablierung und Langeweile
Nach seinem Diplom 1977 macht Eckehard Werner aus „OBJEKTFÜNF” das Designbüro „OBJEKTFÜNFDESIGN”. Hoffeste finden nur noch selten statt. Das Publikum wird homogener, die Feste werden langweiliger. Mitbewohner Thomas Anders schafft sich Gabriele Hahn und somit Familie an. Rege Renovierungsarbeiten und Umbauten finden statt. Kleine Beete und Blumenrabatten machen sich im Hof breit.

Man trifft sich nachmittags in kleiner Runde im „OBJEKTFÜNF” zum Kaffee. Mit Frau und Kinderwagen. Die Gespräche drehen sich im Kreise. Hauptsächlich um die beginnende Übersiedlungs- und Fluchtbewegung von Freunden und Bekannten gen Westen. Aber der Name „OBJEKTFÜNF” ist nach wie vor präsent als Schriftzug am Auto von Eckehard Werner. Eigentümlicherweise wird das „OBJEKTFÜNF” in den ganzen Jahren von Sta-si und Polizei verschont (bis auf wenige Lärmanzeigen von Nachbarn). Ob das „OBJEKTFÜNF” stasiaktenkundig war, ist unbekannt, da Eckehard Werner noch keinen Einblick in seine Stasiakte hatte. Vielleicht haben Thomas Anders oder Gabriele Hahn ihre Akten schon gesehen?

1984 Das vermeintliche Ende
Im März 1984 löst Eckehard Werner das „OBJEKTFÜNFDESIGN” auf und siedelt nach'em Westen über. Die Räume im Hinterhaus übernimmt sein Bruder Thomas Werner, der als Kellner im Café Schade jobt.

nach 1984
Gemeinsam mit Andreas Hilpert bewohnt Thomas Werner die Räume bis Herbst 1984. Danach verkauft er die Räume für 500 Mark an Klaus Henschel (Tischler in Nietleben). Dieser reicht das „OBJEKTFÜNF” an einen gewissen Mitschke weiter (der bei einem Autounfall in Halle ums Leben kommt, gemeinsam mit dem Behnke Sohn, Gosenwirt). Mehr weiß ich nicht.

 

Objekt 5
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen